12. September 2007, Dänemark, Reisereportagen

Kalkgruben von Nordjütland

15.000 Fledermäuse im Liebesnest eines Zigeuners

15.000 Fledermäuse sind nachts die einzigen Lebewesen in den alten Kalkgruben im dänischen Nordjütland, in denen im Mittelalter Hunderte von Männern und Frauen mit gebeugten Rücken ein und aus gingen, um in harter Arbeit den wertvollen Kalk abzubauen, der als Baumaterial für die rund 2.000 Dorfkirchen des Landes diente. In späterer Zeit wurden die Minen von Straßenräubern und Landstreichern als Unterschlupf benutzt, und noch heute wird die Geschichte von dem Zigeuner Jens Langkniv erzählt, der in den Gruben sein Liebesnest hatte.
Die Kalkgruben von Mønsted, Daugbjerg und Thingbæk, die alle zur Besichtigung offen stehen, sind die einzigen drei Orte in Dänemark, an denen – wenn es auch lange her ist -echter Bergbau betrieben wurde. Zwischen Daugbjerg und Mønsted, ganz in der Nähe von Jütlands alter Hauptstadt Viborg, liegt der Kalk dicht unter der Erdoberfläche, und wahrscheinlich wurde hier schon seit der Zeit um 1100, als die ersten Dorfkirchen in Dänemark gebaut wurden, danach gegraben. 
Historische Quellen belegen, dass in Mønsted und Daugbjerg allerdings erst Mitte des 18. Jahrhunderts Kalkabbau in größerem Umfang betrieben wurde. Die Bauern der Gegend legten dafür zunächst einen kegelförmigen Schacht zur Kalkschicht hinunter an, von dem aus sie mehrere Stollengänge in den Kalk trieben. Die Männer brachen den Kalk, den die Frauen dann in einem vor den Bauch getragenen Trog ins Freie schafften. War man mit den Stollen bereits tiefer in den Kalk vorgedrungen, bildeten die Frauen Ketten, so dass jede nur zirka 30 Schritte mit der schweren Last gehen musste.
Der gebrochene Kalk wurde zum Brennen in einen aus großen Feldsteinen gemauerten Ofen gebracht. Bis zu 300 Tonnen gelöschten Kalks entstanden bei jedem Brennvorgang, der in der Regel vier Tage – von Dienstag bis Samstag – dauerte. Als Brennmaterial diente Heidekraut, von dem jedes Mal 70 bis 80 Fuhren verfeuert wurden. Sonntags kühlte der Ofen ab, und montags wurde der Kalk auf Wagen verladen. In den Nächten, in denen gebrannt wurde, herrschte rund um den Ofen festlicher Trubel. Die jungen Leute der Gegend trafen sich zu Gesang und Tanz – meist bis in die frühen Morgenstunden hinein.
Jede Bauernfamilie hatte ihren eigenen Schacht hinunter zu den Minen, und nach und nach entstand ein enormes, fast verworrenes Netz von Gängen, die manchmal sogar an die der Nachbarn heranreichten. Es war eine Kunst, sich in dem Stollenlabyrinth zurecht zu finden – und für die, die es konnten, war es ein ideales Versteck. Dort hinunter wagte sich die Obrigkeit nicht – zum einen, weil es so finster war, dass man nicht die Hand vor Augen sehen konnte, und zum anderen, weil man sich mit Sicherheit unter Tage verlaufen hätte.
Dies wussten die zweifelhaften Existenzen jener Zeit auszunutzen. Die Geächteten waren „oben“ nicht willkommen, aber dort unten fanden sie eine Freistatt. Der berühmteste von ihnen war Jens Langkniv.
„Die Geschichte von Jens Langkniv (Langkniv bedeutet „langes Messer“) nimmt im Grunde schon 1574 ihren Anfang, als ein ungarischer Zigeuner durch Deutschland und weiter hinauf nach Jütland wanderte, wo er in Daugbjerg die schöne Müllertochter traf und sich verliebte. Sie bekamen einen Sohn und nannten ihn Jens“, erzählt Åge Christensen, der mit seinem Engagement die Kalkgruben von Daugbjerg zu einer echten Attraktion in Nordjütland gemacht hat.
„Der Junge wuchs zu einem gutaussehenden jungen Mann heran, mit schwarzem Haar und dunklen Augen wie sein Vater. Aber er hatte es faustdick hinter den Ohren, was am Ende dazu führte, dass er geächtet wurde, weil er das Leben des Vogts von Daugbjerg auf dem Gewissen hatte. So ging er im wahrsten Sinne des Wortes in den Untergrund und lebte 22 Jahre lang in einer der Höhlen in den Kalkgruben, die auch heute noch zu besichtigen ist.
Jens war immer dabei, wenn beim Kalkbrennfest am Dybdal-Ofen reichlich Bier und Schnaps flossen. Er war ein guter Tänzer, und die Frauen von Daugbjerg waren ganz wild nach ihm. Auch die rothaarige Frau des Pfarrers, Claudine, konnte ihm nicht widerstehen. Sie war 30, schön und heißblütig, und um die Wahrheit zu sagen, war mit ihrem Mann zu Hause auf dem Pfarrhof nicht sonderlich viel los, wenn es an der Zeit war, ins Bett zu gehen.
Zu einem der Feste am Brennofen kam auch Claudine, und als ihre Augen auf den schönen Jens fielen, zögerte sie nicht lange: Sie bat ihm Bier, Schnaps und Essen aus ihrem Korb an – und als der Schnaps die Kehlen hinunterfloss, stiegen die Säfte. Jens tanzte am wildesten von allen und führte die ganze Meute zur Kirche von Daugbjerg, wo der Tanz weiterging. Die Nacht endete damit, dass Claudine mit ihm in seine Höhle in den Kalkgruben ging und dort drei Tage und drei Nächte blieb. Die beiden setzten ihr Verhältnis fort, und als der Pfarrer die beiden eines Tages auf dem Pfarrhof überraschte, entführte Jens ganz einfach Claudine in sein unterirdisches Liebesnest. Später sollte es Claudine noch schlecht ergehen, aber das ist eine andere Geschichte.“
Lange Zeit war es still geworden in den Kalkgruben von Mønsted, Daugbjerg und Thingbæk. Seit mehreren Jahren besuchen Sommer-Touristen die Stollen. Kleine ökologische Meiereien benutzen die Stollen ganzjährig, um dort ihren besonderen Höhlenkäse zu lagern. Ungefähr 7.000 Fledermäuse überwintern in den Gruben von Daugbjerg, jeweils über 5.000 Fledermäuse sind es in Mønsted und Thingbæk. Im Frühjahr und im Sommer fliegen sie des Nachts über die Wiesen und jagen Insekten, um sich eine Fettschicht anzufressen. Hunderte von Fledermäusen bilden gemeinsame „Sommerkolonien“, in denen sie ihre Jungen gebären. Im Laufe des Augusts kehren die Fledermäuse wieder in die Kalkgruben zurück um sich zu paaren, bevor sie Winterschlaf halten.
In den ersten Wintermonaten verstecken sich die meisten Fledermäuse in losem Kalk oder in Spalten. Wenn sich der Frühling nähert, fliegen sie schon mal ab und zu aus den Gruben, um zu sehen, ob noch Winter ist. Nach und nach hängen dann alle Fledermäuse zum Schlafen an den Wänden und Decken und warten darauf, dass der Frühling beginnt. Fledermäuse zählen in Dänemark zu den bedrohten Tierarten und dürfen deshalb vor allem während der Paarungs- und Flugzeit nicht gestört werden. Aus diesem Grund sind die Kalkgruben von Mitte März bis Mitte Mai und vom 1. September bis zum 31. Oktober in der Abend- und Nachtzeit für Besucher gesperrt.

Text: Jørgen Hansen

Info:

Mønsted Kalkgruben bei Viborg: Als die Dänen vor mehr als 1.000 Jahren christianisiert wurden, bekamen sie auch einen Nebenberuf: „Kalkabarbeit und Kalkbrennung“. Die Mönche, die mit dem Christentum nach Dänemark kamen, kannten Techniken, die für die Dänen unbekannt waren, z.B. Kalkbrennung zur Gewinnung von Mörtel. Kirchen gehörten zu der neuen Religion, und die wurden aus Steinen gebaut. Das Klebemittel, das die Steine zusammenband, war gebrannter Kalk, der zu Mörtel gelöscht war, ein ganz neues Baumaterial in Dänemark.
Unter Mønsted fand man einen Kalkberg. Der Kalk war zu diesem Zeitpunkt ein nutzloser Stein, aber wurde jetzt eine Quelle zum Einkommen. Im Laufe von 200 Jahren wurden mehr als 2.000 Steinkirchen gebaut, zehn pro Jahr. Das Kirchenbauen war die Initialzündung zu der Kalkindustrie in Mønsted. Eine Produktion, die 1978 aufhörte.
Mønsted liegt nur 14 Kilometer von Viborg, der Hauptstadt des Mittelalters mit zwölf Pfarrkirchen, einem Dom, Klöstern und vielen Bürgerhäusern. Ein baulüsterner Bischof und ein reiches Bürgertum bedeuteten, dass Mønsted immer Kunden für den gebrannten Kalk hatte. Das war auch für eine stabile Produktion notwendig. Im 16. Jahrhundert, als Viborg eine Konjunkturflaute erlebte, hatte Mønsted schon neue Märkte gefunden. Im Jahre 1860, als die Produktion ihren Höhepunkt erreichte, wurden von Mønsted und Daugbjerg 3.000 Wagenladungen mit gebranntem Kalk zu Verbrauchern in ganz Jütland verfrachtet.
1872 verkauften die Bauern in Mønsted die Kalkprivilegien an die Grossindustrie „Mønsted Kalkværker“, die später einen Teil von „De jydske Kalkværker“ wurde. Der Kalk wurde jetzt nicht mehr nur zur Mörtelherstellung verwendet. Die Metallindustrie und die chemische Industrie kauften jetzt auch Kalk, und die Landwirtschaft verwendete den Kalk auf den Feldern. Die Kalkarbeit war jetzt eine ganzjährige Beschäftigung. Im Winter arbeitete man in den Gruben und im Sommer in den offenen Kalkbrüchen. Der Grossbetrieb mit Feldbahn und Kipploren erforderte größere Stollen, aber der Kalk wurde nach wie vor mit Spitzhacken losgehackt.
1953 hörte die Arbeit in den Gruben auf, zwei Jahre später auch im Kalkbruch. Die Öfen brannten bis 1978 noch Kalk aus Djursland. Das rote Kalkwerksgebäude mit den Schornsteinen ist heute Museum und Denkmal für die Industrieabenteuer des letzten Jahrhunderts in Mønsted.
In den Mønsted Kalkgruben werden 200 Tonnen Käse gelagert. Der Käse wird auf der kleinen Molkerei in Vellev hergestellt. 8 Wochen liegt er in den Gruben, um zu reifen. Der Käse wird einmal pro Woche gewendet. Die Luftfeuchtigkeit von 98 Prozent und die feste Temperatur von acht Grad sind vorzügliche Bedingungen für die Reifung des Käses. Der meiste Käse wird nach Deutschland exportiert, wo er als Höhlenkäse verkauft wird. Man kann auch den Käse im Museumskiosk kaufen – vielleicht das beste Souvenir, das man von den Mønsted Kalkgruben mit nach Hause nehmen kann.

Mønsted Kalkgruben
Kalkværksvej 8, Mønsted, DK-7850 Stoholm, www.monsted-kalkgruber.dk
10.2 – 18.2 und 1.4 – 31.10 täglich 10 bis 17 Uhr. Eintritt 60/20 Kronen (Erw./Ki.)



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