17. Februar 2008, Andalusien, Reisereportagen

Die Karwoche in Granada

Schweigen und Klagegesänge im Schatten der Alhambra

Granada. Die engen Gässchen des ehemaligen Maurenviertels Albayzín schlängeln sich steil nach oben, vorbei an Cafés, orientalischen Teestuben und zahlreichen Souvenirgeschäften bis zu den von hohen Mauern umgebenen typischen Landhäusern Granadas, den carmenes. Am Fuße des Albayzín windet sich die Carrera del Darro am gleichnamigen Flüsschen entlang. Sie führt hinauf zum Sacromonte, dem „Heiligen Berg“ der Zigeuner. Unterhalb erstreckt sich ausgehend von der Plaza Isabel la Católica die Neustadt bis weit in die fruchtbare Vega rund um Granada. Dies alles bewacht von den Gipfeln der Sierra Nevada und den mächtigen Mauern der „roten Festung“, der Alhambra, für viele das schönste Monument, das die maurischen Herrscher Spanien hinterließen.

Diese Komponenten sind es wohl auch, die der Karwoche in Granada ihr ganz besonderes Gepräge verleihen. Granada am Palmsonntag. Die Stadt schmückt sich mit Palmen und Olivienzweigen. Um 17.00 Uhr füllen sich die Straßen mit Hunderten von blau-weiss gekleideten Nazarenern, wie die kapuzenverhüllten Mitglieder der Bruderschaften genannt werden. Schon kurz nach der Rückeroberung Granadas, das am längsten von allen spanischen Städten unter dem Zeichen des Halbmondes verblieb, bildeten sich Anfang des 16. Jhs. die ersten christlichen Bruderschaften in der Stadt. Mit ihnen hielten auch die Feierlichkeiten der Semana Santa Einzug. Heute zählt man 32 Bruderschaften, die die täglichen Prozessionen während der Karwoche in Granada ausrichten. Am Palmsonntag fällt der Startschuss mit der symbolischen Übergabe des „Schlüssels der Eröffnung“durch die Bruderschaft Santa María de la Alhambra, die alljährlich am Karsamstag die letzte Prozession organisiert.

Wie in den übrigen Städten Andalusiens und ganz Spaniens führen die Prozessionen über einen festgelegten Weg von der Mutterkirche der jeweiligen Bruderschaft bis zur Kathedrale und zurück. Den besonderen Reiz der Karwoche Granadas stellen die Prozessionen jener Bruderschaften dar, die sich beladen mit tonnenschweren „Pasos“, Tragegestellen mit kunstvollen Heiligendarstellungen, die steilen Wege des Albayzín oder den Sacromonte hinab- und hinauf quälen. Nicht selten werden diese Pasos von 40 oder 50 Männern getragen.

Es würde den Rahmen sprengen, jede einzelne der täglichen Prozessionen in dieser Woche zu beschreiben, gibt es doch an jedem Tag Momente, die sich unwiderruflich ins Gedächtnis einprägen: Die eigenartige Stimmung, die in dieser Zeit über der Stadt liegt, jener Wechsel zwischen Religiosität, Schwermut, Trauer und andalusischer Lebensfreude. Die Faszination der Prozessionen, die sich im Gleichschritt schweigend Stunde um Stunde durch die schmalen Gassen bewegen, die Musik der Bläser, der Klang der Trommeln, hinterlassen tiefe Eindrücke selbst bei nicht religiösen Beobachtern.

Eine magische Stimmung liegt über dem Sacromonte in der Nacht des Karmittwoch. Ganz Granada scheint sich in violette, rote und goldene Farbtöne zu hüllen. Der Sacromonte leuchtet von zahlreichen Lagerfeuern wider, die die Einwohner zwischen den charakteristischen Höhlenwohnungen und Häusern anzünden, wenn der „Cristo de los Gitanos“, der Christus der Zigeuner, vorüberzieht. Noch beeindruckender, fast wie aus einer anderen Welt, empfindet man die arabisch klingende Musik der Zigeuner, die in dieser Nacht ihre Gesänge und Tänze, ihre „Zambras“ in besonderer Intensität erklingen lassen. Auch die Heiligenfiguren der beiden herrlich geschmückten Pasos gehören zu den schönsten und kunstvollsten der Semana Santa Granadas: der „Christus des Trostes“, Cristo del Consuelo und die Heiligste María vom Sacromonte, ersterer ein Werk des granadinischen Bildhauers und Malers José Risueño aus dem 17. Jh. In der folgenden Nacht hüllt sich Granada in tiefes Schweigen und nur der Doppelschlag der Trommeln ist zu hören, wenn der „Christus der Stille“ durch die engen Gassen des Albayzín zieht. Und erst die Prozession der Jungfrau der Morgenröte, „virgen de la Aurora“ lässt die Granadinos aus dieser gespenstischen Stille erwachen mit den Rufen „Aurora, Guapa, Guapa, Guapa“.

Am Karfreitag treffen sich nach uralter Tradition Tausende von Granadinos auf dem Campo del Príncipe, einem Platz unterhalb der Alhambra, um wie schon seit Jahrhunderten der Todesstunde Christus’ zu gedenken. In der Abenddämmerung des gleichen Tages verlässt ein einzigartiger und gespenstiger Zug den Konvent de los Jerónimos. Der Zug dieser ältesten Bruderschaft Grandas wird angeführt von mit Federn und kunstvollen Spitzen geschmückten Personen. Mit ihren spitzen gelben Kapuzen sollen sie Persönlichkeiten aus der Zeit der Inquisition darstellen. Laut erschallen ihre Fanfaren und Pauken. Dahinter folgt ein Trupp römischer Soldaten, die mit ihren Lanzen immer wieder auf den Boden schlagen. Andere Personen stellen die Jungfrau Maria, den Heiligen Josef, Josef Nicodemus und Josef von Arimathäa, die den Leichnam Jesus einst zu seiner Grabstätte brachten, dar.

Am Karsamstag schließlich eilen Tausende von Menschen zur Alhambra, um die Schutzpatronin von Granada, die Virgen de las Angustias, durch die Gärten der Alhambra bis hinunter in die Stadt zu begleiten. Sie sitzt auf einem reich geschmückten silbernen Thron und hält ihren gekreuzigten Sohn in den Armen. Sobald die Prozession die Puerta de la Justicia durchschreitet, erleuchten bengalische Feuer die Szenerie. Am beeindruckendsten ist der Rückweg, wenn der schwere Thron der Jungfrau auf den gebeugten, von vielen Stunden des Schleppens müden Schultern seiner Träger die steile Cuesta de Gomérez wieder hinaufgetragen wird. Und der Ostersonntag schließlich gehört den Kindern. In ihrer Prozession tragen sie einen „Paso“ mit dem Knabenbild Bild des Heilandes, den die Kleinsten fröhlich mit dem Licht zahlreicher Laternen begrüßen.



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