4. März 2009, Städte NRW

„Die Große Unschuld“ in der Kunsthalle Bielefeld

„Richtungen funktionieren nicht mehr; und auch die lineare Geschichtsentwicklung ist etwas zerfasert“, hatte Donald Judd bereits 1965 analysiert und damit ein künstlerisches Unbehagen diagnostiziert. Es sollte in den folgenden Jahren zu einem Kunstimpuls führen, der mit dem Begriff der „Großen Unschuld“ gefasst wird.

Die Künstler entdecken neue Tätigkeitsfelder im Außenraum (Land Art), neue Materialien (Arte Povera) und auch ein neues konzeptuelles Bewusstsein ihrer Arbeit (Conceptual Art). Vertreter der Minimal Art übergeben die manuelle Kunstproduktion an Fachbetriebe. Sie wollen nicht mehr im gesetzten Rahmen funktionieren, den Harald Szeemann 1969 als „das ‚Dreieck’, in dem sich Kunst abspielt – Atelier, Galerie, Museum“ bezeichnet, sondern ihre eigenen Gesetze aufstellen. Sie selbst bestimmen die Vermittlungsformen und die Kunsträume. Somit wird das ganze Kunstsystem neu justiert.

Die „Große Unschuld“ bezeichnet die sowohl naive als auch selbstbewusste Haltung, mit der sich Künstler ins Zentrum dieses Dreiecks stellen, um von nun an als Gesetzgeber ihrer Arbeit zu fungieren. Viele Künstler misstrauen den hehren Kunstgattungen Malerei und Skulptur. Stattdessen befragen die Performance-Künstler ihren Körper wie Vito Acconci oder VALIE EXPORT. Künstlerinnen stellen ihr Geschlecht und die damit konnotierten Zwänge ins Zentrum ihrer radikalen Werke (Louise Bourgeois, Yayoi Kusama).

Indem sich die Künstler bei ihrer Suche nach Authentizität auf sich und ihre Erfahrungen konzentrieren, beginnen sie einen moralischen Dialog mit sich selbst. Ihre Kunst erscheint als individueller, radikal autonomisierter Zugriff auf Raum und Zeit. „Unschuldig“ bleibt der Künstler insofern, als er sein Tun ironisiert und sich fortlaufend selbst in Frage stellt (Sigmar Polke, Bruce Nauman).

Aus dieser Autonomisierung des Individuums um 1968 resultiert der große Wandel der Kunstgeschichte. Die Märkte wachsen infolge dieses Impulses in zuvor nicht gekanntem Ausmaß, die globale zeitgenössische Kunstkultur entsteht. Ob man hinter „Die Große Unschuld“ ein Frage- oder ein Ausrufezeichen setzen sollte, klären ca. 350 Werke von 150 Künstlern, die die drei Etagen des Philip Johnson-Baus füllen werden.

„1968. Die Große Unschuld“ analysiert amerikanische, europäische und asiatische Künstler ebenso wie visionäre Architekten am Beispiel von rund 300 Werken. Das dazugehörige Buch erscheint bei DuMont und wird zum Preis von 24,80 Euro während der Ausstellungszeit im Museum verkauft. Es wird von der Ernst von Siemens Kunststiftung gefördert. Die Ausstellung wird finanziell von der Kunststiftung NRW, der Kulturstiftung der Sparkasse Bielefeld, den Stadtwerken Bielefeld, der Bundeszentrale für politische Bildung und der Bielefelder Gemeinnützigen Wohnungsgesellschaft ermöglicht. (Kunsthalle Bielefeld)



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