16. April 2009, Polen

Die „sozialistische“ Arbeiterstadt Nowa Huta wird 60

Es sollte eine Stadt ohne Gott werden, die 1949 von den neuen kommunistischen Machthabern vor den Toren von Kraków (Krakau), der alten Königsstadt und Hochburg des Katholizismus, gegründet wurde. Doch in Nowa Huta entwickelten sich die Dinge ganz anders als von den Machthabern geplant. Im 60. Jahr seines Bestehens zieht das Viertel zunehmend junge Kreative und ausländische Touristen an.

In Nowa Huta entstand innerhalb weniger Jahre der größte und modernste Stahlhüttenkomplex der jungen Volksrepublik. Dazu wurde eine Planstadt für die Arbeiter ganz im Stil des Sozialistischen Realismus erbaut. Nach dem Vorbild der italienischen Renaissance entworfene Prachtbauten im Zentrum des neuen Viertels zeugen bis heute vom Willen der Architekten, einen Gegenentwurf zu Krakau zu realisieren. Nicht alle Pläne wurden realisiert, so verzichtete man auf den Bau des monumentalen Theaters und eines repräsentativen Rathauses. Als Beispiel für die Architektur des Sozialistischen Realismus steht das Zentrum von Nowa Huta heute unter Denkmalschutz.

Anders als geplant entwickelte sich der 1951 eingemeindete neue Stadtteil in den 1970er Jahren zu einer Hochburg der Arbeiteropposition. 1977 entstand nach langem zähen Ringen mit den Machthabern auch die erste Kirche. Dennoch gilt Nowa Huta mit seinen rund 250.000 Einwohnern vielen traditionellen Krakauern bis heute als das ungeliebte sozialistische Kind. Doch in den letzten Jahren zieht der Stadtteil auch immer mehr jüngere Leute an, die das besondere Flair schätzen oder schlicht eine Alternative zum schick und teuer gewordenen Zentrum suchen. Kultureinrichtungen wie das Teatr Łaźnia, das 2005 aus dem Szeneviertel Kazimierz nach Nowa Huta zog, strahlen über die Grenzen des Stadtteils hinaus.

Einige clevere junge Leute setzen in jüngster Zeit mit Erfolg auf den Retro-Hype. Mittlerweile zählen auch deutsche, britische und skandinavische Touristen zu den Kunden von Crazy Tours. Das Unternehmen bietet eine Zeitreise durch Nowa Huta in schwarzen Fahrzeugen der Marke Trabant an, Besuch in einer traditionellen Arbeiterkneipe und in einer typischen Arbeiterwohnung der Vorwendezeit inklusive. Wer das passende Outfit dazu sucht, wird im Club 1949 in der Siedlung Uroczy 12 fündig. Hier betreibt die Promotionagentur NH Style neben einer Galerie, die wechselnde Ausstellungen zu verschiedenen auf Nowa Huta bezogenen Themen zeigt, einen kleinen Laden. Dort kann man alle möglichen Mitbringsel rund um die Marke Nowa Huta erwerben.

Während die offiziellen Feiern der Stadt Krakau zum 60. Geburtstag von Nowa Huta eher bescheiden ausfallen, plant das Teatr Łaźnia eine Vielzahl von Veranstaltungen. Der ganze Stadtteil soll sich im Sommer in eine Bühne verwandeln. Neben Happenings und Open-Air-Inszenierungen soll ein Jahrmarkt den bunten Rahmen für die Feierlichkeiten bilden. Das Teatr Ludowy, das Volkstheater von Nowa Huta, begeht das Jubiläum mit einem mehrtägigen Theaterfestival. Unter dem Motto „W sosie socu – Im eigenen Soz-Saft“ werden vom 4. bis 13. Juni Theater aus Städten mit einem ähnlichen sozrealistischen Hintergrund aus Deutschland, Tschechien und Russland gemeinsam mit dem Hausensemble ihre Stücke auf die Bühne bringen.

Auch andere Initiativen vor Ort wollen mit kulturellen sowie mit Informations- und Sportveranstaltungen an die Geschichte Nowa Hutas erinnern. So organisiert das Kulturzentrum des Stadtteils beispielsweise einen Fotowettbewerb „Nowa Huta im XXI. Jahrhundert“. Verschiedene Unternehmen bieten außerdem kostenlose Führungen durch den Ort und seine Geschichte an.

Infos:
In Nowa Huta wohnt rund ein Drittel aller Krakauer Bürger. Neben den Wohn- und Industriebauten aus den 1950er Jahren findet man dort auch einige historische Bauwerke, darunter das Zisterzienserkloster von Mogiła, das ursprünglich aus dem 13. Jahrhundert stammt und zuletzt im 18. Jahrhundert umgebaut wurde. Eine Filiale des Historischen Museums im os. Słoneczne 16 informiert über die Geschichte von Nowa Huta, www.mhk.pl.

Informationen über das Viertel und seine Geschichte unter www.nh.pl sowie unter www.krakow.pl. Retro-Touren durch Nowa Huta: www.crazyguides.com. Allgemeine Informationen über Reisen nach Polen beim Polnischen Fremdenverkehrsamt, www.polen.travel. (FVA Polen)



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