26. Mai 2009, Das Blaue Land

Schäffler von Murnau feiern 150. Jubiläum

Die Männer nehmen ihre Bogengirlanden in die Hand, die Blaskapelle spielt die ersten Takte. Jetzt kann das seltene Schauspiel beginnen. In leichten, hüpfenden Schritten rechts herum, links herum, bis die erste der insgesamt sieben Figuren steht. Eine Choreographie, die sich in 150 Jahren kaum verändert hat und eigentlich nur alle sieben Jahre im historischen Ortskern von Murnau am Staffelsee bewundert werden kann. Normalerweise rücken die 16 Männer, die heute noch den Schäffler-Tanz beherrschen, nur zur Faschingszeit aus. Doch im Jubiläums-Jahr ist alles anders.

Vom 10. bis 12. Juli lässt sich das traditionelle Treiben ein ganzes Wochenende lang im Künstlerstädtchen beobachten, wenn die Murnauer Schäffler das 150-jährige Bestehen ihres Zunfttanzes feiern, der vielerorts schon lange ausgestorben ist. „Es gibt nur noch sehr wenige aktive Tanzgruppen“, sagt Michael Huber, der schon als Kind zu den Murnauer Schäfflern gehörte. Und das letzte große Treffen der taktvollen Zünftler ist 16 Jahre her.

Schon deshalb gilt das Festwochenende in Murnau als Besonderheit: 30 Schäfflergruppen aus dem gesamten deutschsprachigen Raum haben ihren Besuch angekündigt und werden Seite an Seite mit den Gastgebern in einem Festzug durch die Straßen ziehen. Wie zur Faschingszeit, wenn es Brauch ist, vor den Häusern der meist alteingesessenen Murnauer zu tanzen, die sich einen Schäffler-Tanz gewünscht haben und dafür rund 160 Euro gezahlt haben, schlüpfen die stolzen Männer in rote Jacken, schwarze Kniebundhosen und Spangenschuhe. Sie setzen ihre grünen Kappen auf, formieren sich und zeigen ihr Können. Rund 15 Minuten dauert die Choreographie, die bereits Monate vor der Tanzsaison geübt wird. „Die Synchronität ist ganz wichtig, wenn wir tanzen. Macht jemand einen Fehler, ist die Figur hinfällig“, erklärt Michael Huber. Besuchern bietet das Festwochenende zahlreiche Gelegenheiten, den seltenen Tanz in seinen verschiedenen Facetten zu sehen, der eigentlich einen sehr ernsten Hintergrund hat und dem ausgerechnet die Pest zu Popularität verhalf.

Im Jahr 1517, als die Pest zwar überwunden war, trauten sich die Menschen noch nicht aus ihren Häusern. Zu groß war die Angst vor dem „schwarzen Tod“. Die Schäffler wollten zeigen, dass das Leben weitergeht und machten den Münchnern Mut zum Neubeginn. Mit ihrem ausgelassenen Zunfttanz, mit dem sich die Gesellen schon im Mittelalter ein kleines Zubrot verdienten, lockten die Fassmacher die Bevölkerung auf die Straßen und setzten den tristen Zeiten ein Ende.

Ein trauriges Ereignis trug den fröhlichen Tanz letztendlich auch an den Staffelsee: 1857 wütete ein Brand in Murnau, der den Ort nahezu komplett zerstörte und bei dem viele Bewohner starben. Zwei Jahre lang bauten die Murnauer ihren Ort mühsam wieder auf und stellten 1859 die Mariensäule wieder am Markt auf, wo sie auch heute noch steht. Damals ließ Michael Pittrich, der aus einer alten Münchner Schäffler-Familie stammte, eine Gruppe auf dem Markt tanzen. Der Beginn einer langen Tradition, die bis heute überlebt hat.

Zum festen Ablauf des Tanzes gehört übrigens noch ein bunt geschminkter Geselle, der Fasskasperl, der humorige Verse und Anekdoten über den Tanzgeber vorträgt. In Murnau übernimmt sogar der 90-jährige Sepp Keller als einer von sechs Kasperln manchmal noch diese Rolle. Ein so genannter Reifenschwinger spricht außerdem zum Wohle der Spender seinen Toast aus, bevor sich die Gruppe dann nach einem langen Tanztag mit einer zünftigen Brotzeit stärkt und in die Gasthäuser zieht.

Wer noch mehr über die Geschichte der Schäffler erfahren möchte, kann bis zum 12. Juli eine Sonderausstellung im Schloßmuseum Murnau besuchen. Zu sehen sind unter anderem die Nachbildung einer Fassmacher-Werkstatt, die Tracht eines Schäfflers aus dem Jahr 1929 und historische Exponate des Murnauer Schäfflertanzes, darunter ein historischer Tanzstab, der bereits für Diskussionsstoff sorgte. Schließlich sind in ihm die Initialen „JP“ und das Jahr 1837 eingraviert – was manche als Hinweis darauf deuten, dass der Schäfflertanz in Murnau sogar ein bisschen älter ist als gedacht. (Tourist-Information Murnau am Staffelsee)



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