9. August 2009, Polen

Hausbooturlaub auf der Weichsel

Łukasz Krajewski hat es geschafft, die launische Diva zu überlisten: Mit seinen kleinen, wendigen Hausbooten können Touristen die Weichsel befahren. Bei solchen Kreuzfahrten der besonderen Art darf man nicht den Luxus der Queen Mary erwarten, dafür aber unvergleichbare Naturerlebnisse. Eine der 7-tägigen Teilstrecken beginnt in der Hauptstadt Warszawa (Warschau).

Am Anfang steht die Einweisung der Freizeitkapitäne: Licht, Heizung, Motor, Vorwärts- und Rückwärtsfahrten und – ganz wichtig – die Bedienung des Sprechfunkgeräts. Skipper Łukasz Krajewski stellt gleich klar, dass seinen Anweisungen unbedingt Folge zu leisten ist. Warum, wird schnell verständlich. Denn die Weichsel ist launisch – mit heftigen Winden, Strömungen, Strudeln und voller tückischer Sandbänke, die ihre Lage immerzu verändern. Zeigte das Echolot gerade noch beruhigende drei Meter Tiefe, kann sich die Situation nach wenigen Metern dramatisch ändern: 90, 80, 70 Zentimeter … schon wird es kritisch. Kaum einer kennt den wilden Fluss so gut wie Łukasz Krajewski. An der Spitze des Konvois sucht er nach der Rinne und wechselt immer wieder die Seiten. Die übrigen Boote folgen dem Schlingerkurs. Sie zu steuern ist auch für Anfänger kinderleicht.

Nach wenigen Minuten tauchen die Wahrzeichen der Stadt auf, der Kulturpalast mit seinem 234 m hohen Turm, das Königsschloss und die Altstadt am Ufer des Flusses. Ein faszinierender Blick auf die Millionenstadt. Um ihn richtig zu genießen drehen die Boote Piruetten auf dem Wasser. Eine halbe Stunde später ist Warschau in der Ferne verschwunden. Wo bisher noch Leben auf dem Fluss war, wird es einsam. Nur ab und an stehen Angler an den bewaldeten Ufern und wundern sich über die schwimmenden Nußschalen.

Mehr als 1.000 km lang ist die Weichsel, die in den schlesischen Beskiden entspringt, durch Krakau und Warschau fließt, um schließlich in Danzig die Ostsee zu erreichen. Noch vor einigen Jahrzehnten fuhren große Frachtschiffe auf dem Fluss, dann versandete er immer mehr, bis fast der gesamte Verkehr zum Erliegen kam. Vor wenigen Jahren versuchte sich ein deutsches Unternehmen mit Flusskreuzfahrten auf der Weichsel, musste aber schnell aufgeben, weil die unkalkulierbaren Wasserstände die Fahrten unmöglich machten. Dann kam Łukasz Krajewski mit einer ganz neuen Idee. Er setzte für die Kreuzfahrten flexible Hausboote ein.

Nachmittags erreicht die Flottilie das Mündungsgebiet des Narew, der mit frischem Wasser aus Weißrussland die Weichsel belebt. Rechts leuchten die Ruinen eines klassizistischen Getreidespeichers in der Nachmittagssonne. Am anderen Ufer erstreckt sich das längste Gebäude Europas. Es gehört zu einer riesigen Festung, die die Russen zur Zeit der polnischen Teilung bei Modlin erbauten. Die Anfänge entstanden bereits 1807 unter Napoleon. Mehr als zwei km lang sind die Außenmauern. Auf dem 250 ha großen Areal waren vor acht Jahren noch fast 20.000 polnische Soldaten stationiert. Heute stehen die Gebäude fast komplett leer und man sucht nach einem Investor.

Mit Fahrrädern die zur Grundausstattung der Boote gehören, umrunden die Teilnehmer die Festung. Mit Taschenlampen erkunden sie die dunklen Gänge des Munitionsdepots und besteigen den Beobachtungsturm. Von dort bietet sich eine grandiose Sicht auf das Mündungsgebiet mit seinen sandigen Flussinseln. Gleich hinter der Weichsel beginnt der Kampinoski-Nationalpark, die grüne Lunge von Warschau, am Horizont erscheint die Silhouette der 36 km entfernten Millionenstadt. Zwar haben die russischen Truppen Modlin schon 1915 aufgegeben, doch heute kann man dort wieder russisch speisen. Im Festungstor Brama Ostrołęcka endet bei russischen Blini und polnischem Bier der erste Abend.

Für die Weichsel dürfen die Hausboote nicht zu groß sein, deshalb darf man dort auch nicht den Luxus der Queen Mary erwarten. Es gibt keine separaten Kabinen und nur eine kleine Außendusche, immerhin aber eine gute Heizung, eine kleine Kochecke und eine Toilette. Zu dritt oder viert lässt es sich – eingehüllt in Schlafsäcke – unter Deck gut schlafen. Am nächsten Morgen geht es mit dem Wasser des Narew wieder zurück auf die Weichsel.

Die zwei hohe Türme der Klosterkirche künden schon bald Czerwińsk nad Wisłą an, ein kleines masowisches Fischerdorf. Anfang des 12. Jahrhunderts wurde dort mit dem Bau des romanischen Gotteshauses begonnen, das heute zu den bedeutendesten Architekturdenkmälern Polens zählt. Noch älter ist die nächste Station der Weichseltour: Im 9. Jahrhundert erstmals erwähnt, wurde Płock 1075 Bistumssitz und erste Hauptstadt von Masowien. Für ein paar Jahrzehnte residierten hier sogar die Herrscher Polens. Ihre letzte Ruhestätte fanden sie im Dom, dessen älteste Teile ebenfalls aus dem 12. Jahrhundert stammen.

Mit seinem liebevoll sanierten historischen Zentrum und einer beeindruckenden Lage hoch über dem Fluss zählt Płock zu den schönsten Städten an der Weichsel. In Płock gibt es die älteste Oberschule Polens, die Małachowianka, wo bereits seit 1180 unterrichtet wird. Ebenso stolz ist man auf die älteste Wissenschaftliche Gesellschaft des Landes, die im Jahre 1820 gegründet wurde. Ein Besuchermagnet ist Polens bedeutendste Jugendstil-Sammlung, die in einem Jugendstilhaus an der Tumska-Straße gezeigt wird.

Nach einem Rundgang durch 1000 Jahre Stadtgeschichte geht es mit den Booten weiter. Richtung Włocławek verbreitet sich die Weichsel zu einem großen Stausee, entsprechend ist sie hier auch stärker von Sportbooten und Ausflugsdampfern frequentiert. Vorbei am Kurort Ciechocinek geht es zum Endpunkt der einwöchigen Tour, nach Toruń (Thorn), Geburtsort von Nikolaus Kopernikus und heute eine lebhafte Studentenstadt. Ihr gotisches Zentrum zählt zum Welterbe der UNESCO.

Rund 200 km mißt jede Strecke, auf der die Boote in der Regel eine Woche lang unterwegs sind. Der erste Abschnitt führt von Kraków (Krakau) in die mittelalterliche Handelsstadt Sandomierz, der zweite weiter nach Warschau, der dritte bis Toruń und der vierte von dort in die Hafenstadt Gdańsk (Danzig).

Die fünfte Route ist in diesem Jahr neu hinzugekommen – ein Rundkurs von Danzig durch das Weichselwerder bis Elbląg (Elbing), über den Nogat zur Marienburg in Malbork und wieder auf der Weichsel zurück nach Gdańsk. Dieser letzte Abschnitt ist der einzige, den man auch ganz auf eigene Faust im Hausboot erleben kann, auf allen übrigen bewegt man sich im Konvoi.

Infos:
Die Hausboote können einzeln oder auch für Gruppen gemietet werden. An Bord ist Platz für bis zu sieben Personen; um bequem zu schlafen, sind drei bis vier Personen ideal. Neben den festen Wochenprogrammen sind auch Gruppenarrangements nach Maß möglich. Infos und Preise: www.vistualcruises.pl. (FVA Polen)



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