5. Oktober 2009, Bielefeld

Deutscher Impressionismus in der Kunsthalle Bielefeld

Mit ca. 180 Werken stellt die Kunsthalle Bielefeld in einer umfangreichen Überblicksausstellung den deutschen Impressionismus als eine landesweit auftretende Kunstbewegung in Deutschland vor. Ausgehend von den Berliner Hauptvertretern Max Liebermann, Max Slevogt und Lovis Corinth zeigt sie die Vielfalt von der nördlichen und ostdeutschen Ausprägung bis zur süd- und südwestdeutschen Variante impressionistischer Malerei. Dabei wird der deutsche Impressionismus in seinen unterschiedlichen Akzentuierungen vom französischen abgegrenzt und als durchaus eigenständige erste deutsche Moderne vorgestellt, die zum Vorläufer des Expressionismus wird. Die Bielefelder Ausstellung zeigt Leihgaben u. a. aus dem Musée d’Orsay in Paris, dem Kunstmuseum St. Gallen, der Neuen Pinakothek München, der Staatsgalerie Stuttgart, der Hamburger Kunsthalle, dem Saarland Museum Saarbrücken, der Galerie Neue Meister in Dresden sowie zahlreichen weiteren öffentlichen und privaten Sammlungen.

Die Revolution der Kunst
Die künstlerische Revolution der Moderne beginnt in Frankreich. 1874 stellt Claude Monet zusammen mit einer Gruppe junger progressiver Künstler in Paris ein unerhörtes Bild aus, dessen Titel genau beschreibt, was es zeigt: L’impression, soleil levant. Der Titel des Bildes wird zum Schimpfwort der Kritiker und zum Programm der Künstler. Anstelle der Naturnachahmung will der Impressionismus das Seherlebnis des Künstlers ins Bild zu setzen. Mit lichter Farbigkeit und kleinteiligem Pinselduktus bildet der Impressionismus die erste moderne künstlerische Revolte gegen den dunkeltonigen Formalismus der etablierten akademischen Malerei des späten 19. Jahrhunderts.

Der Deutsche Impressionismus
Die künstlerische Aufbruchsstimmung setzt sich im Abstand eines guten Jahrzehnts als neue Bildauffassung in ganz Europa durch. In Deutschland trifft die neue Malerei auf den starren, konservativen Kunstgeschmack des Kaiserreiches. Doch findet sie rasch Verfechter unter den deutschen Künstlern, die sich den akademischen Vorgaben und der offiziellen, vom Kaiser selbst geförderten Kunst widersetzen, die sich vorrangig an historistischen, das Kaiserreich glorifizierenden Bildern orientiert.

Max Liebermann, Lovis Corinth, Max Slevogt und ihre Mitstreiter in der neu gegründeten „Berliner Secession“ treten mit ihren neuen Werken gegen den etablierten Akademismus an und werden zu Hauptvertretern des Impressionismus in Deutschland. Andernorts prägen Künstler wie Thomas Herbst in Hamburg, Christian Landenberger in Stuttgart, Fritz von Uhde in München, Gotthard Kuehl und Robert Sterl in Dresden neben vielen anderen das Bild eines deutschen Impressionismus, der sich seit den 1890er Jahren als erste moderne Strömung in Deutschland, zu Teilen auch als Weiterentwicklung aus der akademischen „Freilichtmalerei“, etabliert.

Abgrenzung von den Franzosen
Während der Impressionismus in Frankreich mit seiner betont hellen, „lichtvollen“ Farbnuancierung als künstlerischer Ausdruck der Lebens- und Genussfreude eines erstarkten, selbstbewussten und zunehmend wohlhabenden Bürgertums verstanden wurde, setzt der deutsche Impressionismus durchaus andere Akzente. Der „französischen Leichtigkeit“ steht die „deutsche Ernsthaftigkeit“ mit einer meist weniger lichten Farbpalette, einer geschlosseneren Bildform und der Wahl der Bildthemen entgegen. Neben die Hinwendung zur Natur und zum intimen Interieur mit familiärem Beisammensein treten in Deutschland auch die Bilder der Arbeitswelt und des Alltags der weniger privilegierten Schichten, die der Kaiser höchstpersönlich, nicht zuletzt mit Blick auf Max Liebermann, als „Rinnsteinkunst“ beschimpft.

Die Ausstellung zeigt eine atemberaubende Vielfalt von Motiven und eine stilistische Vielfalt, die den deutschen Impressionismus als Spiegel einer zerrissenen Zeit zwischen Kaiserreich und Weimarer Republik, zwischen Akademismus und Individualität erfahrbar macht und eine Fülle von Neu- und Wiederentdeckungen ermöglicht.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch bei Dumont mit Beiträgen von Jutta Hülsewig-Johnen, Birgit Jooss, Angelika Wesenberg und Felicitas von Richthofen, ca. 240 Seiten mit ca. 180 Farbabbildungen sowie ca. 50 historischen Fotografien. Ausstellungsbegleitend werden ein Einführungsfilm, ein Audioguide sowie ein attraktives Vermittlungsprogramm angeboten. (Kunsthalle Bielefeld)



» Diesen Artikel via Mail weiterempfehlen





Das könnte Sie auch interessieren:

Weitere Beiträge zum Thema: