28. Oktober 2009, Bielefeld

Impressionismus-Ausstellung in Kunsthalle Bielefeld

Erstmals zeigt die Kunsthalle Bielefeld in einer Überblicksausstellung den deutschen Impressionismus als eine landesweit auftretende Kunstbewegung. Nicht um das bekannte Dreigestirn Corinth, Liebermann und Slevogt, das selbstverständlich auch mit Hauptwerken vertreten ist, kreist die Auswahl von 35 Malern, sondern um die vielen, seinerzeit berühmten, heute zu Unrecht vergessenen und wieder zu entdeckenden Künstler wie Thomas Herbst, Gotthard Kuehl, Hermann Pleuer, Otto Reininger, Maria Slavona, Fritz von Uhde. Dass der deutsche Impressionismus eine eigenständige Variante des großen französischen Vorbilds war, beweisen über 180 Werke in einer großen thematischen und stilistischen Vielfalt.Die Ausstellungsthemen

Das Interieur
umfasst die bürgerliche Wohnungsidylle, das Studierzimmer, aber auch eine „Braudiele in Lübeck“ sowie spätbarocke Kircheninterieurs. Mit Gotthard Kuehl stellt die Kunsthalle Bielefeld den letzten Schüler Ludwig Richters als Meister des  genrehaft inszenierten, lichtdurchfluteten Innenraums vor. Liebermanns Ansichten seines großzügigen Ateliers  und sein Selbstporträt, im Kreise seiner Familie im Wohnzimmer zeichnend, stellen dagegen den Künstler als Repräsentationsfigur und Stütze der Gesellschaft dar.

Die Stadt
ist den deutschen Impressionisten sowohl mondäne, urbane Lebens- und Vergnügungswelt als auch Stätte der Industrialisierung und der technisierten Arbeitswelt. Lesser Ury zeigt sich als Maler der Großstadt, der Berlin nicht nur im Sonnenlicht, sondern speziell auch im nächtlichen Gaslicht darstellt. Hermann Pleuer dagegen konzentriert sich  auf die Dampflokomotiven, die Züge und den Stuttgarter Hauptbahnhof als Symbolen der unaufhaltsamen Modernisierung und Technifizierung des Lebensumfelds.

Der Garten
Der öffentliche (Bier-)Garten, der zum Flanieren einladende städtische Park, aber auch die Privatgärten Fritz von Uhdes in München und Max Liebermanns am Wannsee: Die Künstler entdecken Orte der Freizeit und der Muße. Die Gartenbilder sind in ihrer Konzentration auf die Lichtreflexionen und die Schatteneffekte vielleicht ihren französischen Vorbildern am nächsten.

Die Landschaft

Von den geradezu japanisch-kalligrafischen Landschaften Carl Hagemeisters hin zu den pointillistisch „zerlegten“ Wäldern Paul Baums spannt die Ausstellung einen weiten Bogen. Die Landschaftsmalerei ist wohl die Urerfahrung der Impressionisten, Ausgestattet mit moderner Klappstaffelei und Tubenfarben entwichen sie ihren Ateliers und der dunkeltonigen Akademiemalerei, um sich in der freien Natur den unmittelbaren Sinneseindrücken hinzugeben. Doch nicht nur die Erfahrung der französischen Gegenwartskunst, des Impressionismus und der Schule von Barbizon,  die die meisten Künstler auf ihren Bildungsreisen in der Seinemetropole kennen lernten, ist Vorbild der deutschen Impressionisten. Auch die Werke Wilhelm Leibls und der niederländischen Kunst des 17. Jahrhunderts finden ihren künstlerischen Niederschlag.

Das Wasser

Während der französische Impressionismus von den mediterranen, sonnendurchfluteten Landschaften geprägt ist, reisen die Deutschen an die kühleren Nord- und Ostseestrände der Niederlande, Belgiens und Deutschlands. Entsprechend sind die Meere bewegter, die Wolken oftmals dunkel und gewitterträchtig, die Menschen der scharfen Meeresbrise ausgesetzt.  Otto Scholderer, Franz Skarbina, aber auch der junge Max Beckmann entdecken die raue See für sich.

Die Arbeit

Der Blick der deutschen Impressionisten auf die Landschaft erschöpft sich nicht in der Betrachtung ihrer Naturschönheit. Vielmehr umfasst ihr Blick auch den darin lebenden und arbeitenden Menschen. Zwischen bäuerlicher Vorratswirtschaft und Erntearbeit, zwischen Steinbruch und Rinderschwemme zeigen Künstler wie Thomas Herbst, Hans Olde und Heinrich von Zügel die Arbeitswelt in bisweilen romantischer Verklärung, jenseits jeder Sozialkritik.

Die Folgen
Der deutsche Impressionismus, dessen Hochphase um 1890 beginnt, wird zu der im Kaiserreich populärsten und etablierten Kunstrichtung, obwohl der kunstferne Kaiser Max Liebermanns Werke als „Rinnsteinkunst“ geißelt und droht: „Bei mir werden die Freilichtmaler ein hartes Leben haben, ich werde sie unter meiner Rute halten.“ Bereits 1905 kommt mit dem antibürgerlich gestimmten Expressionismus eine Entwicklung in Gang, die im Rückblick die vergleichsweise sanfte künstlerische Revolution der Vorgänger überstrahlt. Doch markiert er in seinem Rückgriff auf den Realismus und Naturalismus des 19. Jahrhunderts und im Ausgriff auf die prägenden Elemente des 20. Jahrhunderts wie Subjektivität und Individualismus eine entscheidende Scharnierstelle zwischen Tradition und Moderne. Vielleicht hätte es ohne den deutschen Impressionismus den deutschen Expressionismus nicht gegeben.

Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch bei Dumont mit Beiträgen von Jutta Hülsewig-Johnen, Birgit Jooss, Angelika Wesenberg und Felicitas von Richthofen, ca. 240 Seiten mit ca. 180 Farbabbildungen sowie ca. 50 historischen Fotografien.

Ausstellungsbegleitend werden ein Einführungsfilm, ein Audioguide sowie ein attraktives Vermittlungsprogramm angeboten.(Kunsthalle Bielefeld)



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