11. September 2010, Hotels, Österreich

Österreichs Hotellerie befindet sich im Umbruch

„6.200 österreichische Unternehmen wurden im Vorjahr an einen Nachfolger übergeben. 36 % davon waren Tourismusbetriebe.“ Das zeige den tiefgreifenden Strukturwandel auf, vor dem Österreichs Tourismus steht, erklärt Manfred Furtner, Landesvorsitzender der Österreichischen Hoteliervereinigung (ÖHV) in Tirol.

In Westösterreichs familiär geführter Ferienhotellerie stünden in den kommenden Jahren viele Hotels vor der Übergabe. In Häusern der gehobenen Kategorien stehen die Nachfolger in vielen Fällen schon fest. Kleinbetriebe, in die schon seit Jahren nicht mehr investiert wurde, die den Ansprüchen der Gäste nicht mehr entsprechen, sollten geschlossen werden. „Viele wollen aussteigen, können sich das aber nicht leisten“, verweist Furtner auf die hohen Kosten infolge einer Betriebsaufgabe. Die Besteuerung der Stillen Reserven sowie von Grund und Boden verhindert den notwendigen Strukturwandel. Um die Umstellung zu forcieren, soll die Betriebsaufgabe durch Anwendung des Hälftesteuersatzes und Steuerfreiheit für Stille Reserven erleichtert werden. Die Gebäude sollen sinnvoll genutzt werden: „Es werden mehr Pflege- und Altenwohnheime benötigt und auch mehr Mitarbeiterunterkünfte“, so Furtner.
Wer nicht investiert, verliert

Österreichs Tourismus muss laut Österreichischer Hotel- und Tourismusbank an die 3 Mrd. Euro pro Jahr investieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben. „Wer nicht laufend in den Betrieb investiert, schwächt seine Marktposition und verliert Gäste.“ Probleme bei der Übergabe seien nur die letzte Konsequenz daraus, erklärt Mag. Gregor Hoch, ÖHV-Landesvorsitzender in Vorarlberg. Ohne Zweifel weise die gehobene Hotellerie genügend Substanz auf, um kurze Investitionspausen zu verkraften: „Die aktuellen Nächtigungsbilanzen zeigen, dass unsere Top-Betriebe ihre gute Marktposition halten“, so Hoch. Die massiven Umsatzrückgänge durch die Krise seien aber nicht ohne Folgen geblieben: „Die Kosten für Strom und F&B sind ebenso gestiegen wie die Kollektivverträge.“ Investitionen würden verschoben. Die Folgen für die heimische Wirtschaft könne man sich noch gar nicht ausmalen, verweist Hoch darauf, dass die Hotellerie zu 80 % im Umkreis von 90 km investiert.
Hoch: Tourismusstrategie umsetzen, Abschreibung modernisieren

Hier könne man aktiv gegensteuern, hat Hoch einen Vorschlag parat, um die arbeitsplatzwirksamen Investitionen der Hoteliers anzukurbeln: Die Abschreibung für Abnutzung (AfA) ist für Investitionen in Hotelgebäude mit 33 Jahren festgesetzt. Wellness- und Sanitäreinrichtungen sollten aber nach spätestens 15 Jahren erneuert werden. „Dann werden sie unattraktiv. Die derzeitige Regelung stellt den Hotelier vor die Wahl der Qual: Will er noch nicht abgeschriebene Gästebadezimmer ersetzen oder mutet er seinen Gästen uralte Badewannen und Fliesen zu? Vor dieser Wahl stehen die Hoteliers derzeit. Wirtschaftlich ist das ruinös“, so Hoch, der in Wirtschaftsminister Mitterlehner einen Verbündeten weiß: „Die Senkung der Abschreibungsdauer auf 15 Jahre wurde in die Tourismusstrategie aufgenommen. Jetzt muss es an die Umsetzung gehen!“
Damoklesschwert Grundsteuererhöhung

Auch die derzeit ungeklärte Frage, ob der Hotellerie eine massive Erhöhung der Grundsteuer droht, erschwert geplante Betriebsübergaben, aber auch Investitionen in die Betriebe: „Vor einer weiteren Belastung der Hotellerie können wir nur warnen“, so Hoch und Furtner. Hotels in guten Lagen würden durch eine Erhöhung der Einheitswerte unverhältnismäßig mehr belastet, Mehreinnahmen würden dadurch aber nicht ermöglicht: „Österreich hat im Gegensatz zu anderen Staaten auf eine Mehrwertsteuersenkung verzichtet. Und jetzt soll auch noch die Grundsteuer erhöht werden. Die Hotellerie darf nicht für die Fehler der Banken büßen“, fordern die ÖHV-Landesvorsitzenden eine Garantie, dass die Grundsteuer für dienstleistungsintensive Unternehmen nicht erhöht wird. „Es kann nicht sein, dass hier wieder nur die Bauern ausgenommen werden!“
Vermögenssteuer wäre kontraproduktiv

Kontraproduktiv wäre auch eine Vermögenssteuer, wie sie vom ÖGB gefordert wird: Die Gewinnspanne in der Hotellerie liegt zwischen 3 und 6 %. Eine Vermögenssteuer würde diese Rendite noch stark reduzieren. „Die Rentabilität der Betriebe würde massiv leiden, die Wettbewerbsfähigkeit in Frage gestellt. Das gefährdet zahlreiche Arbeitsplätze. „Das Konzept der Vermögenssteuer ist nicht durchdacht: Was als Reichensteuer gedacht war, würde zur Armutsfalle für Arbeitnehmer werden“, warnen die Hoteliers.

Die ÖHV gestaltet als freiwillige und parteiunabhängige Interessenvertretung der führenden Hotellerie durch Lobbying die Rahmenbedingungen für modernes Unternehmertum. 1.200 Mitgliedsbetriebe – davon 231 in Tirol und 142 in Vorarlberg – nutzen operative Dienstleistungen in Marketing und Weiterbildung genauso wie ihren Vorsprung durch Innovation und Vernetzung. Mit rund 150.000 Betten – das entspricht zwei Drittel der Kapazität in der 4- bis 5-Sterne-Superior-Hotellerie – und mehr als 30.000 Mitarbeitern erwirtschaften die ÖHV-Mitglieder einen Logisumsatz von ca. 900 Mio. Euro. Die Tourismus- und Freizeitwirtschaft generierte als Österreichs Wirtschaftsmotor 2009 über direkte und indirekte Wertschöpfung 15,4 Prozent des BIP und jeden 5. Vollarbeitsplatz. (Österreichische Hoteliervereingung)



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