16. Oktober 2010, Katalonien

Erinnerung an Walter Benjamín in Port Bou

Am 27. September 1940 nahm sich der deutsch-jüdische Philosoph, Literaturkritiker und Übersetzer Walter Benjamin auf der Flucht vor den Nationalsozialisten in der kleinen nordkatalanischen Stadt Port Bou das Leben, nachdem er vergeblich versucht hatte die französische Grenze zu überqueren, um sich über Portugal nach Amerika einzuschiffen.

In Erinnerung an Walter Benjamín (Berlin 1892-Portbou 1940) und die Europäischen Exilierten der Jahre 1933 bis 1945 hat Dani Karavan anlässlich des 50. Todesjahres des Schriftstellers 1990 in der spanischen Grenzstadt Portbou den Gedenkort „Passagen“ gestaltet. Mit abstrakten Formen und in enger Auseinandersetzung mit der rauen Natur der Katalanischen Pyrenäen hat der Künstler der Landschaft ein Zeichen eingeschrieben, das zugleich eine Annäherung an die existentielle Bedrohung der Emigranten im 20 Jahrhundert erlaubt, als auch im Sinne von Toleranz und grenzüberschreitender Verständigung einen Apell an die Zukunft darstellt. Eine Art Tunnel aus verrostendem Eisen, eine Art Passage im Sinne Benjamins, führt vom Friedhof über die Felsen hin zum Meer. Auf der letzten Stufe schützt eine Glaswand vor dem Abgrund, auf der ein Zitat von Walter Benjamin eingraviert steht: „Schwerer ist es, das Gedächtnis der Namenlosen zu ehren als das der Berühmten.“ Dem Gedächtnis der Namenlosen ist die historische Konstruktion geweiht.

In Port Bou gibt es aktuell zwei Wege, die an Benjamin erinnern und durch Hinweisschilder ausgewiesen werden.

1. Ein städtischer Weg, der die beiden Orte ausweist, in denen Benjamin die letzten beiden Stunden seines Lebens verbracht hat: Zum einen die internationale Bahnstation, wo sich Benjamin auf dem Polizeikommissariat meldete und sein Visumsantrag abgelehnt wurde, zum andern das Hotel Franca, wo er starb. Der Weg führt auch zum Friedhof mit dem Grab, in dem Benjamin fünf Jahre begraben lag, bevor seine Überreste in ein Massengrab überführt wurden, sowie zum Memorial von Dani Karavan.

2. Ein grenzüberschreitender Weg, der von Banyuls in Frankreich nach Portbou in Katalonien über den Berg Querroig und das Tal von Port Bou führt. Die Route folgt zu 95 % dem Weg, den Benjamin auf der Flucht vor der antisemitischen Verfolgung über die französisch-spanische Grenze nahm. Lisa Fittko führte damals Walter Benjamin und andere deutsche Exilanten über die Grenze. Der Fluchtweg wurde durch alte Karten rekonstruiert. Es handelt sich um einen sieben Kilometer langen Pfad, der in fünf Stunden durchlaufen werden kann. Gruppen oder interessierte Einzelpersonen können einen Führer bestellen, der den Weg zeigt und erklärt.

Ursprünglich war der Weg, der auch als Lister-Route bekannt geworden ist, ein Schmugglerpfad. Die Division des Generals Lister nahm ihn 1939 auf dem Rückzug der republikanischen Truppen vor Franco. Am Besten nimmt man den Weg von Banyuls aus. Der Weg führt über Weinberge am Gehöft “Guillaume” vorbei zum mittelalterlichen Turm Querroig durch einen Steineichenwald bis auf eine Höhe von 583 Metern. Von dort aus hat man einen Blick auf die Bucht von Port Bou. Die Route ist durch gelbe Wegweiser gekennzeichnet. (Tourspain)



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