17. November 2010, Deutschland

Munition in Nord- und Ostsee setzt Giftstoffe frei

Der NABU, die Gesellschaft zum Schutz der Meeressäugetiere GSM und die Gesellschaft zur Rettung der Delphine GRD haben eine umfassende Bergung und umweltschonende Beseitigung von Altmunition in
Nord- und Ostsee gefordert. Von den versenkten Altlasten aus dem Ersten und Zweiten Weltkrieg gehe eine große Gefahr für Mensch und Meeresumwelt durch freigesetzte Giftstoffe aus. Die konventionellen Sprengmethoden schützten das sensible marine Ökosystem nicht ausreichend. Das teilten die Verbände im Rahmen einer dreitägigen Experten-Konferenz zur umweltschonenderen Beseitigung von Altmunition im Meer in Neumünster mit.

„Die Munition im Meer ist eine tickende Zeitbombe, die erhebliche Auswirkungen auf die Meeresumwelt, Fischerei, den Tourismus und die Schiffssicherheit hat. Bund und Küstenländer müssen mehr Anstrengungen unternehmen, die betroffenen Meeresgebiete zu kartieren und darauf basierend eine Risiko-Analyse erstellen“, forderte Ingo Ludwichowski, Geschäftsführer des NABU Schleswig-Holstein.

Zwischen 400.0000 und 1,3 Millionen Tonnen konventioneller Munition sind in deutschen Küstengewässern während und nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg versenkt worden. Sowohl die konventionellen Sprengstoffe sowie auch chemische Kampfmittel sind ein erhebliches Risiko für Mensch und Natur.

NABU, GRD und GSM begrüßten die Initiative des Kieler Innenministeriums, bei Sprengungen in dem mit Altmunition belasteten Urlaubsgebiet an der Ostseeküste vor Heidkate in der Kieler Bucht nur noch Blasenschleier einzusetzen. Mittels dieser technisch erzeugten Luftblasen unter Wasser wird der Explosionslärm deutlich eingedämmt.

„Bei aktuell notwendigen Sprengungen müssen Blasenschleier verpflichtend zum Einsatz kommen, allerdings nur in Verbindung mit vorangehender Vergrämung durch akustische Signale. Denn Sprengungen können noch in 4 Kilometer Entfernung massive oder gar tödliche Verletzungen bei Schweinswalen, Seevögeln und Fischen verursachen“, so Sven Koschinski, Meeresbiologe und Experte für Unterwasserschall. Unabhängig vom Einsatz schalldämmender Blasenschleier sehen die Verbände Munitionssprengungen nach wie vor kritisch.

„Blasenschleier sollten nur als Übergangslösung und damit echte Brückentechnologie dienen, bis die anderen bereits bestehenden alternativen Beseitigungstechniken universell einsetzbar sind. Bei Sprengungen verbleiben erhebliche Mengen des TNT und seiner Abbauprodukte im Wasser und können in der Nähe von Badestellen an den Strand gespült werden. Die Stoffe werden in der Nahrungskette angereichert, die Auswirkungen auf Meeresorganismen sind bislang kaum erforscht“, so NABU-Meeresschutzexperte Kim Detloff.

Daher sprechen sich die Verbände für den Einsatz und die Weiterentwicklung von umweltschonenderen Techniken aus, wie sie mit der Roboterbergung und anschließender Bestrahlung mit UV-Licht oder Wasserstrahlschneidtechnik in Verbindung mit mobilen Detonationskammern bereits existieren und eingesetzt werden. NABU, GRD und GSM appellierten an Bundesverkehrsminister Ramsauer, bei der Altmunitionsentsorgung seiner Verantwortung gerecht zu werden und sich für die Einführung einer risikoärmeren Entsorgung einzusetzen.

Noch bis zum 18. November treffen sich in der Stadthalle Neumünster rund 150 Vertreter aus den Ost- und Nordsee-Anrainerstaaten, Kanada, den USA und Italien. Ziel der dreitägigen Konferenz ist es, mit der Hilfe internationaler Experten einen Überblick über die aktuelle Situation und neue Entwicklungen bei der umweltschonenderen Beseitigung von nicht explodierter Altmunition zu gewinnen und ein Netzwerk von Experten zu schaffen. (NABU)



» Diesen Artikel via Mail weiterempfehlen





Das könnte Sie auch interessieren:

Weitere Beiträge zum Thema: