10. Januar 2011, Nordjütland, Reisereportagen

Klitmøller – Mekka für Wassersportler

Vor rund 20 Jahren von ein paar reiselustigen und neugierigen Windsurfern aus Hamburg entdeckt, entwickelte sich das damals verschlafene 800-Seelen-Fischerdorf, unterhalb Hanstholm, einem Fähr- und Fischereihafen gelegen, zu einem mittlerweile international anerkannten Mekka für Wassersportler, allen voran Windsurfer und Surfer.

Nach den ersten Berichten in den einschlägigen Fachzeitschriften, folgten immer mehr Sportler dem Ruf des Windes und der Wellen. Waren es zu Beginn hauptsächlich Hamburger und Schleswig-Holsteiner, die nach „Klitte“ fuhren, kamen sie bald aus ganz Deutschland.

Der Begriff „Cold Hawaii“ als Synonym für nahezu perfekte Bedingungen sprach sich sogar in ganz Europa herum. In der Tat wird es nur selten richtig heiß – zumindest was die Temperaturen angeht. Wilde Parties sind eine andere Sache. Vor allem, wenn „Surfcontests“ wie der Soulwave liefen. Heute freilich ist es ruhiger geworden.

Nicht allen behagte die friedliche Übernahme des Dorfes. Fischer sind bodenständige Menschen, die für Neues schwer zu begeistern sind. Die Neuen rückten in ihren Wohnmobilen an, standen irgendwo in den Dünen oder am Strand und ließen nur ein paar Kronen beim örtlichen Bäcker. Keine Rede vom Campinglatz.

An Ferienhäuser war nicht zu denken, denn es gab so gut wie gar keine. Das hat sich ebenso geändert wie das Verhältnis der Einwohner zu den Zugereisten. An guten Tagen werden bis zu 300 Windsurfer und Surfer auf den Wellen rund um Klitmøller gezählt. Ihr Revier beginnt im Süden bei Agger über Nørre Vorupør bis Hanstholm, nördlich von Klitte gelegen.

Durch die Winterstürme verschieben sich die besten Spots jedes Jahr aufs Neue, denn die Sandbänke lagern sich an neuen Stellen in neuen Formen ab. Dann kommt eine alte Regel ins Spiel: Wassersport ist Motorsport. Wer an den besten Wellen ins Wasser will, muss die besten Bedingungen suchen. Manchmal reicht da schon ein Blick in die nächste Bucht, und aus Frust wird Lust.

Diese Küstenregion ist gesegnet mit optimalen Wellenbedingungen, vorausgesetzt, die Wetterlage macht mit. Sturmtiefs über England oder Skandinavien schaufeln mächtige Wellen heran, die bis zu sechs bis sieben Meter hoch werden können. Kommen die Wellen über die Nordsee, treffen sie an Dänemarks Küsten das erste Mal auf Land. Bessere Bedingungen gibt es nur an Frankreichs Atlantikküste und in Irland. Aber wer will da schon hin, wenn das Gute quasi vor der Haustür liegt? Die perfektesten Wellen laufen nach wie vor in „Middles“ direkt in Klitmøller am Muschelriff. Ein Kalksteinplateau voller scharfer Muscheln.

Damals wie heute leben die Einwohner vom Fischfang, von Hummern, Taschenkrebsen, Dorschen und Schollen aus dem Riff. Viele arbeiten auch für die Fangflotten in Hanstholm. Vorbei die Zeiten, in denen sie die Windsurfer für verrückt erklärten, die bei Sturm aufs Wasser gingen, wenn ihre Fischerboote an Land bleiben mussten. Für Fischer ist das Meer Arbeitsplatz und kein Spielplatz.

Ihre Geduld wurde auf eine jahrlange Probe gestellt, denn es kamen immer mehr Verrückte. Partylärm dröhnte kilometerweit durchs Dünengelände. Ihren Müll ließen viele einfach in den Dünen oder am Strand liegen. An den Wochenenden platzten die kleinen Parkplätze aus allen Nähten. Die Konsequenz: Parkplätze wurden gesperrt oder mit Zufahrtsbarrieren versehen, so dass nur Pkw hinauffahren konnten.

Heute verdienen die Einheimischen gutes Geld, indem sie Ferienhäuser auch an ein paar windresistente Urlauber vermieten. Schnell bekamen die großen Ferienhausvermieter – im wahrsten Sinne – Wind von dem „Run“ auf Klitmøller und errichteten Dependencen. Dass Funsportler mitunter unruhige und feierlustige Gesellen sind, mussten viele Vermieter leidvoll erfahren. Plötzlich waren Windsurfer Gäste, an die man nur ungern vermietete. Die Situation drohte zu eskalieren. Wären da nicht einheimische Windsurfer wie Robert Sand oder Lars Petersen beruhigend eingeschritten. Sie vermittelten zwischen aufgebrachten Einwohnern, der politisch agierenden Gemeinde und dem „spaßsüchtigen“ Wasservolk. Die Lage konnte beruhigt werden.

Mittlerweile kommen viele Windsurfer der ersten Stunden nach wie vor, jetzt aber mit ihren Kindern, die vor den gemieteten Ferienhäusern im Sand spielen. Die einzige Tankstelle des Dorfes gibt es zwar nicht mehr, dafür aber noch den Bäcker, die drei Restaurants, den Surfshop, den Supermarkt, zwei Campingplätze und die Vermieter. Windschiefe Straßenschilder inklusive.

Die Veränderungen vollziehen sich heutzutage eher im kleinen interkulturellen Austausch. Nicht nur Deutsche blieben hier oben im Norden Jütlands hängen. Norweger, Südafrikaner, Franzosen, Engländer und Schweden leben inzwischen in Klitmøller, dem Ort, in dem sie früher ihren Urlaub verbrachten. Schon vor 15 Jahren berichtete man mit leiser Stimme vom „Gost-Rider“. Angeblich ein Surfer aus Kalifornien. Kaum einer konnte sich vorstellen, dass jemand aus dem Sunshine State freiwillig nach Dänemark zieht. Gerüchte machten die Runde. Wird er von der Polizei gesucht? Von was lebt er? Drogen? Keiner kannte die Antworten. Heute leben zwei weitere Amerikaner in Klitmøller. Mike und Ron betreiben ihre Surfschule NASA (North Atlantic Surf Association).

Mit dem inzwischen abgeflautem Windsurfboom, der Klitmøllers infrastrukturelle Entwicklung stark beeinflusst hatte, ist man hier inzwischen bei einem friedvollen Nebeneinander angekommen. Selbst im World Luxury Guide, einem edlen Internetreiseführer, taucht der kleine Fischerort auf. Nicht umsonst bedeuten heute weite Dünenlandschaften, eine luftige Meeresbrise, krächzendes Möwengeschrei leidenschaftlichen Luxus. Das einfache Landleben steht hoch im Kurs. Die Rückbesinnung auf traditionelles Leben ohne iPad, iPod oder sonstige i’s bedeutet Fortschritt. Nicht alle haben das verstanden. Müssen sie auch nicht, denn genussbereite Genießer wissen, was gut tut. Auch ohne Jever.

Internationale Wettbewerbe
Red Bull wählte die Region als dänischen Austragungsort für ihren „Storm Chase“ aus. Einem bis dato einzigartigem Windsurfcontest, in dem Windsurfer aller Nordseeanrainerländer in einem Sturmtief nahezu gleichzeitig auf’s Wasser gehen.

2010 dann die Krone des Windsurfens: der PWA World Cup macht das erste Mal Station in Klitmøller. 50.000 Euro Preisgeld lockten internationale Windsurfer in den hohen Norden. Auch hier hatten die beiden einheimischen Windsurfer Robert und Lars (beide seit Jahren aktiv im World Cup) ihre Finger im Spiel.

Das einzige was sie nicht schafften, war die Sprengung der Überreste der ersten deutschen Invasion. Entlang der Küste errichteten die deutschen Truppen Bunkeranlagen, die heute am Strand graffittibesprüht verrotten. Der Atlantikwall als Antwort auf eine etwaige seeseitige Weltkriegs-Invasion zog sich bis weit nach Norwegen hoch. Zu dick sei das Beton, antworteten die deutschen Behörden, nichts zu machen. Deutsche Wertarbeit mit fadem Beigeschmack.

In Klitmøller vollzog sich eine (zumeist) friedvolle touristische Eroberung, wie sie schon in den 1950-er Jahren auf Hawaii, in den 1970-er Jahren in Indonesien und in den 1990-er Jahren in Südafrika stattfand. Es waren Windsurfer und/oder Surfer, die die jeweiligen Länder entdeckten. Touristikanbieter zogen langsam nach und vermarkteten die Regionen. Golf- und Weintourismus geben heute in Kapstadt den Ton an. In Indonesien liegen mittlerweile die Pauschaltouristen an nicht mehr einsamen Stränden.

Die findet man aber immer noch hier oben im Norden Jütlands und das wird sich so schnell auch nicht ändern, denn so viele Hotels und Ferienhäuser kann man gar nicht bauen, dass es hier zu voll würde. Die Fischer ziehen wie in alten Zeiten ihre Boote auf den Strand, flicken dort ihre Netze und verkaufen ihren frischen Fang. Ein Stück modern geprägte Vergangenheit in schnellen, unruhigen Zeiten, deren Stimmung eher vom Daxwert als von der eigenen Zufriedenheit geprägt ist. Klitmøller’s Währung bemisst sich in einer langsameren Zeit, in einer unaufgeregten Lebensweise und einer überbordenden Liebe zum Meer. Ob nun „Warm Denmark“ oder „Cold Hawaii“, spielt dabei keine Rolle. (Tim Körber)



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