21. Oktober 2011, Polen

Polnische Kurgesellschaften werden privatisiert

Polens Kurorte genießen auch in Deutschland einen sehr guten Ruf. Viele können auf eine jahrhundertelange Tradition verweisen. Fast alle Kurgesellschaften waren noch vor wenigen Jahren im staatlichen Besitz. Inzwischen wurden aber bereits zahlreiche Kurbetriebe privatisiert. Die neuen Investoren sollen Schwung in den Markt bringen und die Heilbäder fit für den internationalen Wettbewerb machen. Zuletzt wurde die traditionsreiche niederschlesische Kurgesellschaft in Świeradów Zdrój (Bad Flinsberg) veräußert.

Bereits 2005 beschloss das polnische Parlament, die Privatisierung der staatlichen Kurorte in die Wege zu leiten. Zugleich wurden allein von 2005 bis 2007 mehr als 100 Millionen Złoty (rund 25 Mio. Euro) an staatlichen Subventionen in die Modernisierung der Gebäude und Ausstattung gesteckt. Neun Kurorte wurden in den vergangenen Jahren privatisiert, weitere sieben sollen in den kommenden 12 Monaten verkauft werden. Insgesamt acht Kurgesellschaften wurden aufgrund ihrer „strategischen Bedeutung für den polnischen Staat“ von der Privatisierung ausgenommen. Dazu gehören unter anderem Ciechocinek, das Salzbergwerk Wieliczka bei Kraków (Krakau) sowie die Ostseebäder Kołobrzeg (Kolberg) und Świnoujście (Swinemünde).

Bereits einige Jahre vor der offiziellen Privatisierungswelle wurde 2001 das 1880 gegründete Kurunternehmen in Nałęczów in der Woiwodschaft Lubelskie (Lublin) an East Spring, eine Tochter von Perrier-Vittel, verkauft. Die zur Nestlé-Gruppe gehörenden Investorenmachten aus Polens einzigem nur auf Herz-Kreislaufkrankheiten spezialisierten Kurunternehmen ein Vorzeigeobjekt der Privatisierung. Nach umfassenden Modernisierungsmaßnahmen warf das Heilunternehmen „Uzdrowisko Nałęczów” S.A. im Jahr 2010 1,5 Millionen Złoty (ca. 400.000 Euro) Gewinn bei 38 Millionen Złoty (ca. 9,5 Mio. Euro) Umsatz ab.

Ebenfalls noch vor dem Start der Privatisierungsrunde wurde im Jahr 2005 vor Gericht das Eigentum an derKurgesellschaft Szczawnica im Südosten Polens den Erben der Vorkriegs-Besitzer zugesprochen. Seitdem hat die Familie Mańkowski bereits die Trinkhalle erneuert, das alte Kurtheater wiederaufgebaut und ein neues 5-Sterne-Hotel eröffnet. Nun soll ein neues Kurhaus entstehen. Auch weitere Hotels und Kureinrichtungen sind in dem Ferienort am Fuße des Pieniny-Gebirges geplant.

Größter neuer Investor im polnischen Kurwesen ist die KGHM TFI, ein Tochterunternehmen der KGHM-Gruppe. Das florierende Kupferbergbau-Unternehmen mit Sitz im niederschlesischen Lubin (Lüben) hat bereits die Aktienmehrheit an insgesamt vier Kurgesellschaftenerworben. Zu ihnen gehört der größte polnische Kuranbieter, Zespół Uzdrowisk Kłodzkich (Kurgesellschaft Glatzer Bergland), der über die meisten Kurhäuser und Sanatorien in den niederschlesischen Kurorten Duszniki Zdrój (Bad Reinerz), Polanica Zdrój (Bad Altheide) und Kudowa Zdrój (Bad Kudowa) verfügt.

Zu der Kupfer-Tochtergehören auch die Kurgesellschaften im westpommerschen Połczyn Zdrój (BadPolzin) und im niederschlesischen Cieplice (Bad Warmbrunn). Als vorläufig letztes Unternehmen kam im September 2011 die Kurgesellschaft Świeradów Zdrój-Czerniawa Zdrój (Bad Flinsberg und Bad Schwarzbach) im Isergebirge hinzu. Zum KGHM-Konzern gehört auch das Unternehmen Interferie, das über zahlreiche Hotels und Sanatorien in ganz Polen verfügt. Interessiert ist KGHM zudem an der zu privatisierenden Kurgesellschaft Szczawno-Jedlina (Bad Salzbrunn und BadCharlottenbrunn) in Niederschlesien.

In den drei Kurorten im Glatzer Bergland hat die KGHM TFI seit ihrer Übernahme vor knapp einem Jahr neben der Kaufsumme von 138 Mio. Złoty bereits zusätzliche 8 Mio. Złoty in die Modernisierung investiert, bis 2013 sollen es insgesamt 40 Mio. werden. Um die staatlichen Auflagen zu erfüllen, müssen unter anderem einige vorhandene Objekte noch behindertengerecht umgebaut werden. Einige bereits vor der Privatisierung begonnene Erweiterungsmaßnahmen im Rahmen von regionalen sowie EU-Fördermaßnahmen stehen kurz vor dem Abschluss. So werden bis Jahresende das Sanatorium Zameczek in Kudowa und das Sanatorium Jan Kazimierz in Duszniki um ein Rehabilitations- und SPA-Zentrum erweitert. Im Ausbau befindet sich ebenfalls das Naturheilzentrum des Sanatoriums Wielka Pienawa mit angeschlossenem SPA in Polanica. Das historische Gebäude erhielt eine Verjüngungskur verpasst, die Fassade wurde erneuert und eine offene Orangerie mit Glasterrassen für Reizklimatherapie erbaut. Für das kommende Jahr ist ein Ausbau des Sanatoriums Korab geplant, das sich ebenfalls in Polanica befindet.

Auch bei den anderen zur KGHM-Gruppe gehörenden Kurgesellschaften laufen die Modernisierungsmaßnahmen nach Plan. In Cieplice, einem Stadtteil von Jelenia Góra (Hirschberg), wurde im September 2011 das neue SPA „Marysieńka“ eröffnet. Neben einem Thermalwasserbecken erwarten die Gäste hier SPA-Kapsel, Steh-Solarium, Sauna, schottische Peitsche sowie Massageanwendungen. Das neue Zentrum hat 3,5 Mio. Złoty gekostet. In Świeradów entsteht derzeit ein neues Kurzentrum. Das Słoneczko 2 wird Platz für 100 Gäste bieten und über ein Therapieschwimmbecken sowie Anwendungsräume verfügen.

Der neue Besitzer der Kurgesellschaft im Ostseebad Ustka (Stolpmünde) hat bereits damit begonnen in den Ausbau der Kapazitäten zu investieren. Im Frühjahr 2010 übernahm das ortsansässigeHotelunternehmen Lubicz die Aktienmehrheit. Für rund 50 Mio. Złoty soll hier nun ein neues Sanatorium mit Aquapark entstehen. Auf einem 2,5 ha großen Grundstück begann man bereits in den 1980er Jahren mit dem Bau einer neuenKuranlage, die allerdings nie vollendet wurde. Bis 2013 soll das Objekt fertiggestellt sein und dann Platz für 300 Gäste bieten. Neben dem zweigeschossigen Aquapark soll die Anlage über ein Café mit Meerblick, einen Konferenzsaal sowie einen SPA&Wellnessbereich verfügen.

Der in den Schlesischen Beskiden südlich von Katowice (Kattowitz) gelegene Kurort Ustroń ging im vergangenen Jahr mehrheitlich an die von polnischen und amerikanischen Ärzten gegründete Gesellschaft Polnisch-Amerikanische Herzklinik, die in den vergangenen zehn Jahren mehrere Herzzentren in verschiedenen Teilen Polens gründete und dort mit modernste Behandlungsmethoden arbeitet. In Ustroń werden neben Herzerkrankungen auch Rheumatismus, Diabetes und andere Krankheiten therapiert. Im Frühjahr wurde in dem sanierten Hotel Wilga ein neuer SPA-Bereich eröffnet. Neu entstanden ist auch ein onkologisches Rehabilitationszentrum für Frauen.

Der berühmte Sole-Kurort Inowrocław (Hohensalza) in der Woiwodschaft Kujawien-Pommern konnte bereits im vergangenen Jahr einen Großteil seiner Infrastruktur sowie Bausubstanz dank regionaler Fördermittel erneuern. Neben Instandsetzungs- und Erweiterungsarbeiten am Kurpark wurde vor allem das Gradierwerk einem Lifting unterzogen. Gegenwärtig dauern die Arbeiten am Bau einer neuen Trinkhalle und eines Palmengartens an, darüber hinaus sollen Duftgärten angelegt werden. Die Aktienmehrheit an der Kurgesellschaft Solanki erwarb im August 2010 die ortsansässige Druckerei Pozkal für rund 20,5 Mio. Złoty. Größere Investitionen in den Bau neuer Anlagen plant der neue Besitzer vorerst nicht, zunächst sollen die Gelder in notwendige Instandsetzungs- und Modernisierungsarbeiten fließen. Bereits im Dezember 2009 hatte die Kur­gesellschaft ein modernes Medical SPA mit 58 Zimmern, über 70 medizinischen SPA-Anwendungen sowie einem multimedialen Konferenzzentrum für 100 Personen eröffnet.

Einen wichtigen Trendwechsel im Kurgeschäft haben alle Investoren bereits für sich entdeckt. Aufgrund des demographischen Wandels wird die Gruppe der Senioren und Rentner in den kommenden Jahren nicht nur in Polen, sondern in ganz Europa steigen. Branchenexperten sehen hier das größte Wachstumspotential für Kurorte sowie Wellness&SPA-Angebote. So hat die KGHM beispielsweise schon angekündigt in ihren Kurorten künftig auch Altersresidenzen für anspruchsvolle Kunden einzurichten, die ihren Lebensabend nicht nur inmitten einer reizvollen Naturumgebung, sondern auch gesund und in der Nähe erstklassiger medizinischer Einrichtungen verbringen wollen. Bei der öffentlichen Vergabe mussten sich alle Investoren dazu verpflichten, weiterhin einen Kur- und Rehabilitationsbetrieb aufrecht zu erhalten und nicht nur auf Wellness&SPA-Angebote zu setzen.

Informationen:
In Polen gibt es insgesamt 44 Kurorte. Viele von ihnen haben eine jahrhundertelange Kur-Tradition. Besonders die Kurorte an der Ostseeküste und in den Bergen Niederschlesiens sind auch bei vielen deutschen Kurgästen beliebt und im Programm von deutschen Kur-Reiseveranstaltern. Kuren in Polen können auch von den deutschen Krankenkassen bezuschusst werden. Weitere Informationen zu Reisen nach Polen beim Polnischen Fremdenverkehrsamt unter www.polen.travel (Polnisches Fremdenverkehrsamt)



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