9. Dezember 2011, Sylt

Sylt als Insel der Hexen und Meerjungfrauen

Hexen und Zwerge, Meerjungfrauen und verborgene Schätze: Eine Insel, auf der sich einst Seeräuber versteckten, ist wie geschaffen für alte Sagen. Und so sind viele Sylter Orte untrennbar mit wunderlichen Begebenheiten verbunden, von denen sich die Menschen früher des Winters am wärmenden Ofen zu erzählen wussten.

Vergessen Sie den Brocken. Wenn Sie Hexen tanzen sehen wollen, dann ist der Budersandberg die erste Adresse. Denn Hörnums höchste Düne, so erzählt eine Sage, ist ein beliebter Landeplatz für einheimische Hexen: Schon in früheren Zeiten kamen sie in Mondscheinnächten auf ihren Besen angeflogen und forderten die Seeräuber der Insel zum Tänzchen auf. Das hörten die Amrumer und Föhrer Hexen, die prompt ihre Besen bestiegen und die Seeräuber verzauberten, um ihrerseits eine flotte Sohle auf den Dünensand zu legen. Doch von dieser Entwicklung waren die Sylter Damen nicht gerade angetan. Sie sorgten dafür, dass 74 der untreuen Piraten auf dem Grasbrook in Hamburg geköpft wurden. Und die Moral von der Geschicht’: Schau genau hin, mit welcher Hexe du tanzt.

Sylt, das zeigt sich bereits mit dieser Geschichte, bietet ein Umfeld, das wie geschaffen ist für Sagen. Die Mächte der Natur, die die Insel bis heute prägen, steckten für die Menschen einst voller Geheimnisse. Sagen lieferten Erklärungen für viele Phänomene und warnten die Einwohner sogar vor heraufziehenden Unwettern. Wo immer man sich auf Sylt aufhält – irgendeine alte Erzählung gibt es immer: über Götter und Geister, Hexen und Zauberer, Seeräuber und Meerweibchen. Am Morsum Kliff etwa finden sich rote Gesteinsbrocken von wenigen Zentimetern Kantenlänge, die wie Gefäße aussehen. Sie werden im Volksmund „Hexenschüsselchen“ genannt. Und obwohl man heute natürlich weiß, dass sie nicht von Hexen getöpfert wurden, sondern im Laufe der Jahrmillionen durch Gesteinsverkrustungen entstanden sind, sind sie noch immer beliebte Sammlerstücke.

Vor den Steinen, aus denen die Keitumer Kirche gebaut wurde, nehmen sich dagegen viele in Acht. Beim Bau der Kirche, so heißt es, sei eine Prophezeiung ausgesprochen worden: Die Glocke werde eines Tages herabstürzen und einen jungen Mann töten. Später werde gar die ganze Kirche in sich zusammenfallen und die schönste Sylter Jungfrau unter sich begraben. Tatsächlich stürzte die schwere Glocke am zweiten Weihnachtstag des Jahres 1739 hinab und erschlug einen jungen Seemann. Sylter Mädchen machen seitdem einen Bogen um die Kirche.

Die bekannteste Sage aber rankt sich um den Freiheitskämpfer Pidder Lüng, von dem der Satz stammt: „Lewwer duad üs Slaaw!“ (Lieber tot als Sklave!). Eines Abends bekam er während des Essens Besuch von einem dänischen Steuereintreiber. Der wollte nicht nur Geld, sondern die Familie auch noch demütigen. Als er in den Topf mit frischem Grünkohl spuckte, wurde es Pidder Lüng zu bunt: Mit den Worten „Wer in den Kohl spuckt, der soll ihn auch fressen!“ drückte er das Gesicht des Steuereintreibers so lange in den dampfenden Kohl, bis sich der Zappelnde nicht mehr rührte. Pidder Lüng musste fliehen, wurde Seeräuber und nahm kein gutes Ende: Er wurde auf dem Galgenhügel bei Munkmarsch hingerichtet.

Sagenbücher, die man in den zahlreichen Buchläden der Insel findet, überraschen mit einer Vielzahl von Geschichten. Doch am besten fragt man die Sylter selbst. Zahlreiche Führungen, ob nun zum Morsum Kliff oder zum Denghoog, dem größten begehbaren Steinzeitgrab in Schleswig-Holstein, nehmen zumindest am Rande immer wieder Bezug auf die uralten Geschichten.

Und die klingen immer anders: Mootji (Großmutter) erzählt die Sage vom Wenningstedter Meerweibchen eben ganz anders als Gooki (Großvater); der Geschichtslehrer ergänzt sie durch Jahreszahlen, während der ehemalige Kapitän sie mit eigenen Erfahrungen über das tosende Meer spickt. Schon anno 1761 notierte ein Sylter Pastor über seine Landsleute: „Sie sind plauder- und schwatzhaft, zum Aberglauben geneigt und hängen noch sehr an Gespenster- und Hexenmärchen.“ (Sylt Marketing GmbH)



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