20. November 2012, Sylt

Einblicke in das Sylter Sagenbuch

Sylt hat einen ganz speziellen Landeplatz. Gemeint ist nicht der Flughafen, der für Tausende von Urlaubern alljährlich die Anreise erleichtert. Gemeint ist Hörnums höchste Düne, der Budersandberg. Landen dürfen hier aber nur waschechte Hexen. Eine Insel wie Sylt, auf der sich einst Seeräuber versteckten, ist nun mal wie geschaffen für alte Sagen.

Wer sich ein Sylter Sagenbuch vornimmt, ist überrascht vom großen Angebot. Wo man sich auch aufhält, überall spielen alte Überlieferungen eine Rolle: am Strand, beim Kliff, beim Hünengrab, auf der Düne, am Hafen, bei der Kirche. Zahlreiche Führungen, ob nun zum Morsum Kliff oder zum Denghoog, dem größten begehbaren Steinzeitgrab in Schleswig-Holstein, nehmen zumindest am Rande immer wieder Bezug auf die uralten Geschichten.

Die bekannteste rankt sich um den Freiheitskämpfer Pidder Lüng, von dem der legendäre Satz stammt: „Lewwer duad üs Slaaw!“ (Lieber tot als Sklave!). Das bekam ein dänischer Steuereintreiber zu spüren, der während des Abendessens auftauchte und nicht nur Geld wollte – er wollte die Familie auch noch demütigen. Als er in den Topf mit frischem Grünkohl spuckte, wurde es Pidder Lüng zu bunt: Mit den Worten „Wer in den Kohl spuckt, der soll ihn auch fressen!“ drückte er das Gesicht des Steuereintreibers so lange in den dampfenden Kohl, bis sich der Zappelnde nicht mehr rührte. Ein schöner Tod, sollte man meinen, doch Pidder Lüng musste fliehen. Er wurde Seeräuber und als solcher auf dem Galgenhügel bei Munkmarsch hingerichtet.

Sylt hat nicht viele Hügel – kein Wunder, dass sich um die wenigen Anhöhen gruselige Geschichten ranken. Glaubt man den alten Sagen, so ist vor allem beim Tanz Vorsicht geboten. Auf dem Ellenbogenberg etwa hatte einst der Teufel seinen Tanzplatz. Als schöner Jüngling lernte er dort Ose aus Tinnum kennen. Sie aber schwor, sie wolle eher zu Stein werden als die Braut des Teufels und heiratete einen gewissen Buh Tetten aus Keitum. Das gefiel dem Teufel nicht, und er verwandelte die komplette Hochzeitsgesellschaft in Stein. Bis ins 19. Jahrhundert konnte man die Gesteinsbrocken nördlich von Tinnum noch sehen: den Vormann, das Brautpaar dahinter und schließlich die Eltern.

Apropos Brocken: Auch auf Sylt tanzen Hexen. Hörnums höchste Düne, so erzählt eine alte Sage, ist ein beliebter Landeplatz. Einst kamen die Sylter Hexen in Mondscheinnächten auf ihren Besen angeflogen und forderten die Seeräuber der Insel zum Tänzchen auf. Mangels eigener Piraten bestiegen daraufhin auch die Amrumer und Föhrer Hexen prompt ihre Besen, um ihrerseits auf Sylt eine flotte Sohle auf den Dünensand zu legen. Die Sylter Damen waren von dieser Entwicklung wenig angetan. Sie sorgten dafür, dass 74 der untreuen Piraten auf dem Grasbrook in Hamburg geköpft wurden.

Man muss sich nicht gleich kopflos in märchenhafte Abenteuer stürzen, um festzustellen: Sylt bietet ein Umfeld, das wie geschaffen ist für Sagen. Die Mächte der Natur, die die Insel bis heute prägen, steckten für die Menschen einst voller Geheimnisse. Sagen lieferten Erklärungen für viele Phänomene und warnten die Einwohner sogar vor heraufziehenden Unwettern. Wo immer man sich auf Sylt aufhält – irgendeine alte Erzählung gibt es immer: über Götter und Geister, Hexen und Zauberer, Seeräuber und Meerweibchen. Man muss nur hinhören. (Sylt Marketing)



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